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ShootingStars - Team PokerStars Pro

Rückblick auf WSOP, Las Vegas und Ermüdungserscheinungen Teil 1

Von AntonAlleman, 07.09.2008, 4626 Aufrufe, 107 Kommentare | Kommentar hinzufügen

Hey Intellis!

Ich bin seit Ende August, nach sieben anstrengenden Wochen Las Vegas und drei geilen Wochen Los Angeles (hauptsächlich Ferien), wieder in der Schweiz.

Ich hatte an sich geplant, teilweise inspiriert durch einen meiner Students, den ich seit einem Jahr coache (und der sich schon lange in der nordamerikanischen Pokerscene bewegt), eine längere, mehrteilige Serie von Blogeinträgen zu meiner Sicht der Pokerwelt und dazu, was einen erfolgreichen Highstakes-Pokerspieler ausmacht, basierend auf einigen (unveröffentlichten) Texten, die ich seit diesem Frühling geschrieben habe, zu publizieren, habe dies jedoch vorläufig abgeblasen. Ich werde aber, falls Interesse besteht, möglicherweise darauf zurückkommen; mehr dazu in einem der nächsten Einträge.

Da ich ja schon lange nichts mehr geposted habe, knüpfe ich als erstes einmal daran an, worüber ich zuletzt geschrieben habe: die diesjährige WSOP.

Die Action in den Sidegames war alles in allem wie schon im letzten Jahr, wie erwartet, hervorragend. Ausserdem war auch Online in Sachen Highstakescashgames im Juli wieder mehr los als auch schon, was mittlerweile leider nicht mehr selbstverständlich ist. Viele sehr lange Cashgamesessions waren dann auch der Grund dafür, warum ich schliesslich nur einen einzigen WSOP-Event gespielt habe: den Main Event, siehe dazu meinen übernächsten Eintrag.

Ich bin mit meiner Leistung in Las Vegas im Wesentlichen zufrieden (die Resultate hätten allerdings noch etwas besser sein können… ), gegen Ende des Trips machten sich bei mir schliesslich dennoch, infolge all dieser Marathonsessions, ein paar einzelne kleinere Müdigkeitserscheinungen bemerkbar. Die folgende Hand ist ein sehr gutes Beispiel:

150/300$ Limit Hold’em, Rio, 9-handed

Eine solide Livespielerin aus Los Angeles openraist UTG+2, ich reraise eine Position später mit ., Small Blind coldcallt, UTG+2 callt.

Der Coldcall des SB, ein relativ solider, straight-foreward-type Spieler, ebenfalls aus LA, überraschte mich etwas.

Ich dachte, dass er höchstwahrscheinlich AK oder 1010 hatte, denkbar wären noch AQ, JJ und 99, aber ich bezweifelte, dass er AQ und 99 für 3 Bets spielen würde, während er JJ vermutlich eher 4betten würde. Auch mit AK hätte ich normalerweise eher eine 4-Bet von ihm erwartet, aber ich hatte noch im Hinterkopf, dass dieser Spieler normalerweise 100/200 im Commerce spielt (auch im Rio waren die höchsten Stakes im Limit Hold’em normalerweise 100/200 diesen Sommer) und daher bei 150/300 Blinds möglicherweise unbewusst etwas vorsichtiger spiele könnte; das würde insofern ins Bild passen, dass das Spiel dieses Gegners meines Erachtens eher auf Gefühl und Erfahrung als auf Spieltheorie und Rangeanalyse beruht.

Flop:       

Der SB spielt direkt an, UTG+2 folded.

OK, wie sieht die Lage aus? Medium Pocket Pairs hätte ich jetzt überholt, aber gegen AK (oder AQ) wäre ich weit hinten. Die Bet des SB sagt noch nicht allzu viel aus. Nach kurzem Überlegen entschied ich mich für folgende Line, die mir das Maximum herauszuholen schien: Ich raise den Flop und  valuebette Turn und River, falls mein Gegner in den "Call-Mode" umschaltet. Falls ich eine 3-Bet am Flop kassiere, folde ich am Turn. Die meisten Spieler würden, in den meisten Fällen zu Recht, niemals Heads-Up AJ folden bei diesem Board, aber ich denke, dass ich gegen diesen Gegner, sollte er den Flop 3-betten, mit nahezu absoluter Sicherheit wüsste, dass ich geschlagen wäre.

Ich raise also den Flop und fange mir leider tatsächlich sofort eine 3-Bet ein. Wie geplant calle ich und folde, als er nach einer Turnblank erneut bettet.

Turn: 

In der Hoffnung, einerseits zur Beseitung aller noch so kleinen Restzweifel in Bezug auf die Korrektheit meines Folds ebenfalls die Karten meines Gegners zu Gesicht zu bekommen, andererseits, mir ein paar Spielern am Tisch gegenüber, die mich noch nicht so gut kannten, ein weak-tightes Image verschaffen zu können, zeige ich mein und sage seufzend: "Nice hand, sir!"

Sichtlich beindruckt, wenn auch eganz leicht genervt, zeigt mein Gegner und antwortet: "Wow! Very professional Fold!"

Zufrieden mit mir, weil im Glauben, diese Hand optimal gespielt zu haben, sage ich in Gedanken zu mir selbst: "Tja, da sieht man eben den Unterschied zwischen einem typischen 0,5-bis-1BB/Stunde-Grinder und einem Weltklassepieler wie mir… "

Als mir diese Hand ein paar Tage später nochmals durch den Kopf ging, bemerkte ich allerdings, dass mein Fold am Turn in Wirklichkeit alles Andere als gut war, tatsächlich war er nichts weiter als ein elementarer (wenn auch knapper) Fehler , denn  ich bekomme Odds von 9:1 für einen Call am Turn, ausreichend um eine weitere Bet zu callen, denn 3 Riverkarten (Jacks) gewinnen für mich den ganzen Pot und 6 Karten (5s und 3s) retten mir noch den halben Pot… 

Manchmal wäre es nicht schlecht, sich an die Basics ("Odds und Outs") zu erinnern… Meine Linie (raise flop) und die grundsätzliche Bereitschaft, meine Hand zu folden, waren zwar an sich gut, aber die konkrete Umsetzung war schlecht; richtig wäre Call Turn, Fold River unimproved gewesen.

Solche Fehler sind typische Symptome für Übermüdung und/oder Überspieltheit; alle kognitiven Funktionen, das logische Denken, der typische Vorgang der Situationsanalyse (Einschätzung der möglichen Hände des Gegners, Vergleichen der möglichen Lines, etc.), Reevaluierung bei wichtiger neuer Information, etc., funktionieren zwar immer noch grösstenteils gut (abhängig von Routine und Stamina), aber man übersieht eben leichter Details, die man normalerweise, sprich in ausgeruhterm Zustand, automatisch intutiv mit allen anderen Informationen mitverarbeiten würde.

Nichts Ungewöhnliches gegen Ende eines langen Trips, aber es gab da noch eine schlimmere Hand…

 
 

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